Vektororientierte geometrische Modellierung


 
 
Grundbegriffe
Bäume, planare Graphen
Auswerteverfahren
Verknüpfung mit Attributdaten
Bewertung

Grundbegriffe
 
 
 
Graphik-Basisinhalte -
Graphische Primitive
Führen wir uns nochmals Pläne oder technische Zeichnungen vor Augen, können wir die Inhalte der Zeichnung zunächst als eine Ansammlungen von verschiedenen graphischen Elementen (sogenannter graphischer Primitive) wie Punkten, Linien und gefüllten, umrandeten Flächen deuten:

Punkt, Linie, Fläche, Volumen

In diesem einfachen Fall werden Linien und Flächenumrandungen durch eine (verbundene) Folge von Stützpunkten dargestellt (siehe Abbildung), denen wir erst aufgrund unserer geschulten Wahrnehmung eine Bedeutung - beispielsweise „Fläche" - geben. Die Daten selbst kennen in dieser einfachen Strukturierungsform ihren Zusammenhang nicht. Aufgrund ihrer zufälligen Lage und Linienhaftigkeit spricht man umgangssprachlich auch von Spaghetti-Daten.

Topologie Die Modellierung geometrischer Eigenschaften in einem GIS kann und muß jedoch darüber hinaus gehen. Ein wesentlicher Begriff in diesem Zusammenhang ist die Topologie der Daten. Die Topologie untersucht Eigenschaften, die bei stetigen (topologischen) Abbildungen unveränderlich sind, wozu die in der Geodäsie üblichen Transformationen zu zählen sind (Frank 1983). Während das Beachten topologischer Bedingungen und Beziehungen (beispielsweise der Tatsache, daß eine Fläche durch mehrere, zusammenhängende Linien begrenzt wird) bisher eher unbewußt im Rahmen der menschlichen Interpretation und im Kontext der entwickelten und gebräuchlichen kartographischen Techniken und Darstellungsarten geschah, ist bei rechnergestützter Verarbeitung von Daten explizit auf Einhaltung topologischer Eigenschaften zu achten.

Topologische Strukturen und die damit verbundenen Auswertemöglichkeiten sind im GIS-Bereich nahezu ausschließlich für zweidimensionale Abbildungen entwickelt worden. Bei dreidimensional geprägten Objekten („3D-GIS") besteht im GIS-Sektor noch Bedarf an wissenschaftlicher Untersuchung und praktischer Realisierung, beispielsweise bei Gebäudeinformationssystemen. Liegt der Schwerpunkt eines GIS-Einsatzes auf der dritten Dimension - oder auf der Zeitkomponente -, schränkt sich die Auswahl der marktverfügbaren Systeme stark ein.
 

Topologische Grundbegriffe Vor der Beschreibung dieser topologischen Bedingungen, wie sie auch in verschiedenen Systemen ganz oder teilweise realisiert sind, seien einige Definitionen gegeben. Für die Beschreibung topologischer Phänomene werden die Bezeichnungen
  • Knoten für einen Punkt,
  • Kante für die Verbindung zwischen zwei Knoten
verwendet. Wichtige Beziehungen zwischen ihnen sind:
 
  • Inzidenz: Eine Kante beginnt und endet in einem Knoten.
  • Adjazenz: Zwei Knoten sind durch eine Kante verbunden.

 
Die blau markierten Knoten sind adjazent zu dem gelb gekennzeichneten Knoten.
Die blau markierten Kanten sind adjazent zu der lilafarben markierten Kante.
Die blau markierten Kanten sind adjazent zu dem gelb gekennzeichneten Knoten.

In einem Knoten können beliebig viele Kanten beginnen oder enden. Er ist Träger metrischer Information (Koordinaten). Zwei Punkte, deren Distanz Null ist (idealer Weise), sind identisch und bilden einen Knoten (Eindeutigkeit von Knoten). Einem Knoten können somit mehrere Punkte der Wirklichkeit entsprechen; die entsprechenden Bedeutungen (z.B. Grenzpunkt und gleichzeitiger Gebäudepunkt) sind zu vermerken. Änderungen der Koordinaten eines Knotens wirken sich automatisch auf alle inzidierenden Kanten aus.

Die Kanten tragen Information über die Form (geradlinig, gekrümmt). Zwischenpunkte auf Kanten werden nicht als Knoten betrachtet; sie dienen lediglich der Bestimmung der Form.
 

Die Form der Kanten ist topologisch nicht relevant. Die beiden Kanten besitzen unterschiedliche Form, inzidieren jedoch mit denselben Knoten.
Graphen tpologisch identisch Zwei planare Graphen unteschiedlicher Geometrie können dennoch topologisch identisch sein.

Somit kann eine Kante auch prinzipiell eine Kombination von Geradenstücken, Kreisbögen oder Kurven höherer Ordnung (beispielsweise von Splinebögen) sein.

Für Kanten gilt, daß an einer Stelle des Raumes nur eine Kante gleicher Form existieren darf. Laufen also beispielsweise Kanten direkt nebeneinander her, so sind sie, eventuell unter Aufspalten der bisherigen Kanten und Neubildung von Knoten, miteinander zu verschmelzen. Die Bedeutung der Kantenstücke (z.B. Flurgrenze, Gebäudegrenze) ist, wie dies bei der Automatisierten Liegenschaftskarte der Fall ist, im Sinne einer Mehrfachbedeutung des Kantenstücks festzuhalten.

Bedeutung für Systemauswahl Bei der Systemauswahl muß davon ausgegangen werden, daß nicht jedes System alle Kantenformen (insbesondere Kreis- oder Splinebögen) verarbeiten und speichern kann. Ist diese Eigenschaft in einem System nicht gegeben, wird man diese gekrümmten Linien durch eine Reihe von geradlinig verbundenen Stützpunkten approximieren müssen. Dies kann ein Ausschlußkriterium sein, beispielsweise wenn die Forderung besteht, Flurstücksgrenzen durch Geraden und Kreisbögen abzubilden.

Beim Datenaustausch sind noch andere Aspekte von Bedeutung. Kreisbögen sind oftmals durch unterschiedliche Definitionsgrößen festgelegt, so daß geometrische Umrechnungen nötig werden. Kurven höherer Ordnung werden häufig systemabhängig mathematisch modelliert, so daß die Übernahme von Daten erschwert wird.

Bäume, planare Graphen, Dreiecksnetze

Aufbauend auf den Primitiven Knoten und Kante lassen sich komplexere geometrische Grundgebilde aufbauen, von denen im Zusammenhang mit GI-Systeme Bäume sowie planare Graphen von Bedeutung sind.

Bäume sind geeignet, um beispielsweise ein Gewässernetz zu beschreiben. Bei planaren Graphen liegen die Kanten zyklisch verbunden vor; sie können zur Beschreibung von flächenhaften Strukturen (Grundstücken, Nutzungsarten) verwendet werden. Ein von Kanten begrenztes Gebiet wird Fläche oder Masche genannt.
 

Baum und planarer Graph Die Abbildung zeigt ein Beispiel für einen planaren Graphen, an dem neben den zuvor genannten Bedingungen folgende Eigenschaften deutlich werden: Kanten schneiden sich nicht, jede Kante grenzt zwei verschiedene Teilflächen voneinander ab; eine Fläche kann wiederum Flächen enthalten (Inklusion), wie wir es beispielsweise von Flurstücken mit darin eingeschlossenen Enklaven her kennen.
Dreickszerlegung Einen Sonderfall stellt die in nebenstehender Abbildung gezeigte Bildung von vermaschten Dreiecksnetzen dar (triangulated irregular network, TIN). Diese werden verwendet, um Oberflächen, beispielsweise des Geländes, durch zusammenhängende Dreiecke zu modellieren.

Die Beziehung von Knoten, Kanten und Maschen kann in DV-Systemen durch topologische Datenstrukturen beschrieben werden, wie sie sich in verschiedenen Systemrealisierungen und Austauschformaten finden. Beispielsweise kann die sofortige Prüfung und Bildung topologischer Beziehungen im Zuge der Datenerfassung ein effizientes Arbeiten ermöglichen und ein konsistentes Ergebnis sichern helfen. Für eine Systemauswahl stellt die Führung der Topologie bereits ein wesentliches Kriterium dar.

Verknüpfung mit Attributdaten

Historisch gesehen lag bei vielen Systemansätzen das Hauptaugenmerk zunächst auf der Abbildung der geometrischen Eigenschaften. Knoten, Kanten und Maschen können jedoch auf verschiedene Weise um beschreibende Eigenschaften ergänzt werden. Abb. 10 zeigt dazu einige Beispiele.
 
 
 

Den Flächen ist direkt ein Attribut - in diesem Fall eine Flurstücksnummer - zugeordnet.
Jede Fläche besitzt ein klassifizierendes, ganzzahliges Merkmal. Durch eine Transformation auf einen Wertebereich (Reklassifizierung) wird der eigentliche Attributwert gewonnen.
Mit geometrischen, topologisch verknüpften Geometrien ist über Schlüssel eine Attributtabelle verknüpft. Diesen Ansatz finden wir häufig bei CAD-basierenden Systemen; der Schlüssel stellt das Verbindungsglied zwischen Graphik und (relationaler) Datenbank dar.
Für jedes Objekt werden Geometrie und alphanumerische, beschreibende Eigenschaften gemeinsam geführt.
Bei der dynamischen Segmentierung werden unterschiedliche Attributsätze einem linienförmigen Objekt zugeordnet. Dabei ändern sich die Attributwerte längs des Weges.

 
 

Spezifische Auswerteverfahren

Vektordaten lassen eine große Reihe spezifischer Auswerteverfahren zu. Einige sind nachfolgend zusammengestellt.
 
 

Geometrische Auswertungen:  Geometrische Auswertungen stützen sich auf die Geometrie der Daten, d. h. sie basieren weitgehend auf Angaben zur Lage von Knoten sowie zur Form von Kanten. Zu ihnen zählen:

- Auswertungen zu Grundflächen und Flächenanteilen,
- Auswertung von Koordinaten oder Koordinatenbereichen,
- Auswertung von geometrischen Lagebeziehungen wie Winkel und Abstandsmaße.

Topologische Auswertungen:  Zu den wesentlichen Analyseverfahren sind Auswertungen der Topologie zu zählen. Einige Auswertemöglichkeiten sind in Abb. 12 zusammengestellt. Topologische Auswertungen benötigen in der Regel die Geometrie der Daten nicht, sondern basieren auf topologischen Verknüpfungen der Objekte untereinander. Zu nennen sind:
  • Auswertung von Nachbarschaftsbeziehungen,
  • Auswertung vollständiger oder teilweiser Inklusion,

  • Suche kürzester Verbindungen.
Auswertungen von Dreiecksnetzen:  Aufbauend auf dem Dreiecksnetz sind u. a. folgende Analysen und Ableitungen möglich:
  • Hangneigung und Exposition,
  • Hanglänge,
  • Verschneidungen,
  • Massenermittlungen,

  • Interpolation von Isolinien.

Bewertung vektororientierter Arbeitsweise

Bezüglich des Einsatzes des vektororientierten Datenmodells ist auf folgende Gesichtspunkte hinzuweisen: